Lasst die Stimmzettel sprechen! Kreuzzug in die Wahlkabine
Veröffentlicht am 16. Dezember 2007, 17:45 Uhr
Von Susi Wegner.
Dieser Moment ist der Höhepunkt des Wahlkampfes: der treue Bürger setzt sein Kreuzchen.
(Foto: Wikimedia Commons/Frank C. Müller)
Der papierene Stimmzettel hat es nicht leicht. Er wird ignoriert, missverstanden und soll sogar abgeschafft werden. Kreuzchen informiert, klärt auf und gibt Tipps, wie der Träger der Wahlstimme trotzdem zur Geltung kommt.
Die Geschichte des Stimmzettels ist eine voller Missverständnisse. Regelmäßig wird der wahlmündige Bürger aufgerufen, sein Kreuzchen darauf zu setzen, dabei hat er nicht immer Lust dazu und oftmals kein Verständnis dafür. Obschon der Stimmzettel eine lange Tradition hat und eine fortwährende Entwicklung: im antiken Griechenland waren Tonscherben die Träger der Wahlstimme, heute ist es die Papierform, und morgen wird es der Monitorbildschirm der Wahlcomputer sein, die den Papierbogen zum Rückzug zwingen.
Das finale Papier der Entscheidung: der offizielle Stimmzettel. So werden ihn die Wähler am 27. Januar in den Händen halten.
(Bild: Der Landeswahlleiter für Hessen)
Am 14. Dezember gingen die Stimmzettel für die hessische Landtagswahl im Januar 2008 in Druck, mit allen Parteien und Kandidaten, die dieses Jahr das Glück haben, aufgestellt zu werden. Viele wollten, aber nicht jeder durfte. Mit dem Stimmzettel ist es amtlich – diese Kandidaten oder keine. Wer jetzt nicht unter den 17 Parteien ist, kommt die nächsten fünf Jahre sehr wahrscheinlich nicht mehr zum Zuge. Politiker reißen sich geradezu um die Kreuzchen der Wähler. Manchmal bezahlen sie teuer dafür. Der Bürger hingegen ignoriert die Wichtigkeit der zwei Kreuze leider viel zu oft.
Besonders zur Weihnachtszeit. Dieses Jahr wird der Wahlkampf untergehen zwischen all der Weihnachtspost und Besinnlichkeit. Nach Weihnachten kommt Silvester, und nach Silvester die Katerstimmung. Auch dann werden die Wenigsten an die bevorstehende Wahl, die Stimmzettel und damit ihre politische Entscheidung denken. Am Tag der Wahl werden sie auf den letzten Drücker ins Wahllokal hetzen und wie der Ochs vorm Berg auf Erst- und Zweistimme starren. Um letztendlich die Lottozahl-Methode anzusetzen – Augen zu und durch: der Kugelschreiber wird schon die richtige Wahl treffen. Und hinterher kommt das böse Erwachen: aus Kreuzchen werden Zahlen, aus Zahlen werden Stühle und aus Stühle werden Abgeordnete, die einem fünf Jahre lang aus sämtlichen Medien unverständliche Dinge vorhalten.
Dabei ist der Stimmzettel durchaus spannend: Zwei Stimmen stehen dem Wähler damit zur Verfügung. Die Zweitstimme – die Landesstimme – ist eigentlich die Erststimme und damit die wichtigere Stimme – also die, die man an erster Stelle beachten und wählen sollte. Denn hier geht es um die Partei, die damit in den Landtag zieht. Die so genannte Erststimme – die Wahlkreisstimme – ist hingegen sekundär, obwohl sie an erster Stelle steht. Hier sollte man das Kreuz setzen, wenn man seinen Wahlkreisabgeordneten persönlich kennt, kennen lernen will oder das Prinzip der Überhangsmandate verstanden hat. Wahlkreisabgeordnete sind übrigens diejenigen, die auf Plakaten am Straßenrand stehen und über beide Ohren in die Gegend grinsen.
Seine Erst- und Zweitstimme muss der Wähler nicht auf gleicher Ebene sprechen lassen – man kann einen Abgeordneten aus Partei A wählen, während die Landesstimme auf Partei Z verweist. Das nennt man im Fachjargon Stimmensplitting. Weniger als zwei Kreuze sind durchaus möglich, aber auch mehr als zwei – dann ist der Zettel allerdings ungültig. Seine Stimme hat man trotzdem abgegeben: man war da, man hat von dem Stimmzettel Gebrauch gemacht, war aber mit dem Angebot an Parteien und Wahlkreisabgeordneten nicht einverstanden. Alles ist möglich auf einem Stimmzettel!
Und variabel ist er obendrein: Der Wähler muss nämlich nicht immer zum Stimmzettel in die Kabine kommen. Der Stimmzettel kommt gerne auch zum Wähler nach Hause – wenn man ihn denn anfordert. Dann kommt er direkt per Brief und kommt so auch wieder zurück. Der Antrag zur Briefwahl ist schon ab dem 17. Dezember möglich. Den Musterstimmzettel kann man sich schon jetzt aus dem Netz herunterladen und das Kreuzchen setzen üben. Damit es am Tag der Wahl keine bösen Überraschungen gibt und man nicht fünf Jahre warten muss, bevor man seine Wahlentscheidung überdenken und die politische Konkurrenz ankreuzen kann.
(Nachträgliche Anmerkung der Redaktion: Unter dem Artikel „Barrierefreies Wählen mit dem BSBH – mit dem Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen“ ist ein Auszug einer Audio-CD für Sehbehinderte und Blinden zu finden. Dort kann man sich die Gebrauchsanweisung für die Wahlschablone und den Stimmzettel anhören.)
Noch eine Ungerechtigkeit zum Schluss: an den hessischen Landtagswahlen darf nur wählen, wer 18 Jahre alt ist, deutscher Staatsbürger und seit mindestens drei Monaten in Hessen gemeldet. Dafür kann der Stimmzettel aber nichts – er würde sich bestimmt von jedem bekreuzigen und alle Menschen wählen lassen.


# 1 |
ask sagte am 16. Dezember 2007 um 19:04 Uhr:Die kleinen Tonscherben im alten Athen waren zum Glück für unsere Kandidatinnen und Kandidaten nicht so ganz die Vorläufer unseres freundlichen Stimmzettels. Auf so eine Tonscherbe konnte jeder Bürger jeden Namen jedes anderen Bürgers schreiben, zu dem einen und einzigen Zweck, ihn aus Athen für zehn Jahre verbannt zu sehen. Wer die meisten Stimmen auf sich ‚vereinigte‘ – musste gehen. Für manche unserer Kandidatinnen und Kandidaten mag der Wahltag auch wie so ein ‚Scherbengericht‘ ausgehen, das weiss man nie.
Ansonsten hatten die Bürger der Demokratie Athen nicht viel zu ‚wählen‘. Unter Kandidaten schon gar nicht. Man liest zwar überall, sie hätten die Beamten ‚gewählt‘ – nein, haben sie nicht. Beamter wurde man durch zufälligen Losentscheid. Das konnte jeden treffen, das Los. Plötzlich war man für die Finanzen für ein Jahr zuständig und musste es am Ende auch noch gut gemacht haben, denn solche Ämter waren lebensgefährlich, bei schlechter Arbeit drohte einem die Todesstrafe.
Ist das nicht ein harmloser, sanftmütiger Zettel, gebt ihm doch seine zwei Kreuzchen!
# 3 |
Chris sagte am 5. Januar 2008 um 17:45 Uhr:“..heute ist es die Papierform, und morgen wird es der Monitorbildschirm der Wahlcomputer sein, die den Papierbogen zum Rückzug zwingen.“
Das ist ja wohl noch nicht ausgemacht. Bisher sind es nur acht Gemeinden, Tendenz fallend.
Siehe auch:
http://www.tagesschau.de/inland/meldung91414.html
# 4 |
Theodor Prinz sagte am 5. Januar 2008 um 21:25 Uhr:Über das Statement mit den Wahlcomputern würde ich an Ihrer Stelle noch mal nachdenken. Eine Wahl mit Computern ist nicht nachzählbar. Eine nicht nachzählbare Wahl ist keine öffentliche Wahl. Eine nicht-öffentliche Wahl ist keine demokratische Wahl. Wahlcomputer sind die Abschaffung der Demokratie.
Bitte etwas mehr Hirnschmalz in die Angelegenheit stecken. Dass überhaupt Wahlcomputer zum Einsatz kommen ist der eigentliche Skandal, dem sich die FR zuwenden sollte.
# 5 |
Susanne Wegner sagte am 15. Januar 2008 um 20:52 Uhr:In diesem Artikel geht es ausschließlich um den Stimmzettel in Papierform. Der Wahlcomputer ist uns einen eigenen Artikel wert. Siehe Link:
http://kreuzchen.frblog.de/2008/01/15/wahlcomputer-umstrittener-service-am-wahlenden-volk/